Ja, ich weiß: es ist schon bei den alten Griechen festgestellt worden, dass die Alten immer über die Jugend jammern! Und dennoch hat es die Menschheit bis heute geschafft und es gab wahrlich schlechtere Zeiten als unsere.
Und wer könnte das besser überblicken und würdigen als einer wie ich, der in der Nachkriegszeit geboren wurde und das Glück hatte, kriegsfrei bis in die milden Merkel-Jahre hinein zu dämmern. In meiner Kindheit war ein Marmeladenbrot eine tolle und anfangs sogar seltene Sache. Als mir der Blinddarm im Krankenhaus entfernt wurde im Kindesalter, da erinnere ich nur zwei Dinge daran: erstens durften mich meine Eltern nur durch eine Glasscheibe sehen und mir zuwinken. Und zweitens gab es morgens ein Marmeladenbrot! Unsere Kinder schwelgten dann schon in Nutella und waren dem Zeug so zugewandt, dass es elterlicherseits nur auf das Osterfrühstück eingeschränkt wurde. Irgenwie schienen wir als Eltern zu ahnen damals, dass alltägliches Nutella wohl erstens zu viele Pfunde auf die Hüfte und zu viel Gewöhnung an Süßes im Leben bringen könnte. So wurde Nutella zum Osterfrühstücks-Highlight.
Oder einfach gesagt: in meinem Leben wurde mit den Jahren alles besser. Ich spielte noch in Ruinen (toller Spielplatz, aber Horrorszenerie für Helikoptermütter!), mit unseren Enkeln fahren wir heute in Erlebnisparks. Ich lernte das Schwimmen im heftigen Strom und zwischen den Schlingpflanzen des Flüsschens Ilmenau bei Lüneburg, war ganze Tage als Kind und auch bei schlechtem Wetter draußen, schnitzte mir Pfeil und Bogen und machte Pfeilspitzen aus langen Nägeln, die ich von der Eisenbahn plattfahren ließ auf den Schienen. Wir kletterten in die höchsten Bäume und hangelten uns an einer selten benutzen Eisenbahnbrücke freischwebend über die Ilmenau. Meine Eltern hatten wohl viel Gottvertrauen – Gott sei Dank. Denn das bescherte mir eine tolle Kindheit, in der vieles möglich war, was heutige Eltern höchstens mit aufgerissenen Augen des Schreckens oder der Verachtung wahrnehmen würden. Ich lernte die Gefahren des Lebens zusammen mit seinen Herausforderungen und Schönheiten von klein auf kennen und wurde nicht in Stuhlkreis oder pädagosiche Dialoge verwickelt, wenn mal was nicht im Sinne der Eltern gelaufen war. Es gab einen hinter die Löffel, mehr symbolisch als gewalttätig, und ich hatte verstanden. Vergeben und vergessen und ein neuer Tag wartete mit seinen neuen Herausforderungen.
Mein Vater war damals Küchenchef eines psychiatrischen Krankenhauses, zu dem man damals im Volksmund noch ungestraft „Irrenhaus“ sagte. Und dessen Insassen war sogar für mich als Kind schon als ungewöhnliche Menschen zu erkennen, denn sie lebten dort dauerhaft und bevölkerte das wunderschöne Gelände mit seinen Teichen und Anlagen. Und wenn wir dort mit Keschern Wasserflöhe für Vaters Aquarium finden, dann „halfen“ sie uns und ich mochte diese Menschen einfach gern, die doch nicht in der Lage waren, ihren Tag irgendwie selbst zu gestalten oder zu überleben in der Welt der Normalen. Sie waren ganz besondere Individuen für mich, anders als die Normalos, und ich mochte das. Ich mochte sie. Später, als ich in Bethel mein Studium begann, habe ich das in noch intensiverer Weise dort mit den „Bewohnern“, wie sie dann schon hießen, eindrucksvoll erleben dürfen. Da war die ganz Bandbreite menschlichen Lebens um mich herum und mit mir zusammen: vom schwachsinnigen, mühsam Stammelnden, mit dem ich mich anfangs gar nicht unterhalten konnte und der doch so unmittelbar viele menschliche Gefühle ausdrücken konnte, bis hin zum „durchgedrehten“ Professor, der dort nichts anders mehr im Kopf hatte als den Fahrplan der Deutschen Bahn. Den aber perfekt und absolut zuverlässig. Seine Quelle war nicht die Bibel, sondern das Kursbuch. Zu ihm gingen wir Studenten, wenn wir eine Bahnverbindung brauchten. Internet gab’s da noch nicht. Gott sei Dank.
Alles Kinder Gottes. Genau wie ich. Menschen, denen wir nicht zu etwas zu geben haben, damit sie überleben, sondern von denen wir so unendlich viel für unser eigenes Leben lernen können. Jesus sagt ja nicht umsonst einmal: „Wenn du nicht glaubst wie diese Kinder, dann wirst du das Reich Gottes weder begreifen noch je sehen!“ Stimmt. Die ganze T´heologie in einem Satz. Und das schon im 1. Semester!

Aber ich wollte über das Jammern schreiben. Stimmt. Ich schweife ab – und wieder auch nicht.
Irgendwie drängt sich mir das Gefühl auf, dass heute viel zu schnell und schon über Winzigkeiten erst mal gestöhnt und gejammert werden muss. Neulich, bei einer Anwohnerversammlung zum Neubau unserer Straße, war es wieder extrem. Nach einem überaus kompetent vorgetragenen und sehr verständlichen Einleitungsvortrag seitens der Gemeinde prasselte das Gejammer dann gleich los. Früher hätte man gedacht (und vielleicht auch gesagt): Schön, dass wir eine neue Straße bekommen. Schön, dass da nicht mehr gerast werden soll. Schön, dass man sich so viele Gedanken dazu gemacht hat, statt einfach loszubaggern. Und wenn dann noch Fragen oder Bemerkungen geblieben wäre, dann hätte man die in netten Worten geäußert. Heute ballern sie einfach los und selbst nette Nachbarn, die man sonst ganz anders kennt, gaben zu Protokoll, dass sie an nichts so zu leiden hätten wie an den Vorstellungen zum Straßen-Neubau! Es hatte noch gar nicht angefangen! Ich sah mich am Ende peinlich bemüßigt, der Vortragenden zu danken, der Gemeinde dafür, dass sie es möglich gemacht hat und gab meiner Hoffnung Ausdruck, dass man auch für die Zeit des Umbaus sicher alles mit der Baufirma würde klären können (von der Mülltonne bis zum Parkplatz). Und so ist es auch gekommen: tolle Baufirma und sie kümmern sich um alles und erklären einem auch alles. Aber vorher erst mal richtig auf den Putz hauen!
Und dann der Straßenverkehr! Er scheint mir überhaupt so ein Anzeiger zum gesellschaftlichen Zustand zu sein: da regiert inzwischen der reine Egoismus auf der Straße! Blinken und damit anderen anzeigen, wohin man abbiegen will? Unnötig. Hauptsache, ich selbst weiß es. Als Fußgänger möglichst langsam und provozierend über die Straße gehen, damit die Autofahrer mal ordentlich warten müssen und nervös werden. Habe zwar selbst kein Auto, aber kann so auch mal meine Macht ausspielen. Und auch beim Stau die Notgasse zu bilden scheint für viele entweder intellektuell zu anspruchsvoll oder gesellschaftlich zu unnötig zu sein. Früher fuhr man schnell an einer Unfallstelle vorbei, wenn bereits für alles dort gesorgt war. Heute bremst man auf Schritt-Tempo runter oder bleibt stehen, damit man mit dem Handy auch alles in Ruhe filmen kann.
Wir sind irgendwie überversorgt. Uns geht es zu gut? Vielleicht. Jedenfalls in der Weise, dass wir nicht mehr wissen, wie es ist, wenn es mal wirklich schlecht geht. Oder, um es mal richtig provokant zu sagen: Die letzten Katastrophen in meinem Beritt, seien es Krieg, Hochwasser oder die Pest sind einfach sehr lange her. Und Corona war auch schnell wieder vergessen. Wir haben inzwischen gelernt, Zumutungen zu hassen. Und deshalb muten uns auch die Politiker keine mehr zu, denn sich fürchten um ihre Wiederwahl. Lieber wird verteilt, was noch gar nicht verdient wurde. Auf Pump und zu Lasten zukünftiger Generationen. Und die ehemalige Volks- und Arbeiterpartei SPD merkt auch mancherorts knapp über der 5-Prozent -Grenze immer noch nicht, dass die Wähler das nicht würdigen. Und wenn der Sprit teurer wird, dann gerät das ganze Land in Aufruhr und die Politik schüttet wieder alles mit nicht verdientem Geld zu und die Sprit-Konzerne greifen es ab und freuen sich doppelt.
Ich wünsche mir, dass wieder etwas mehr „Erdung“ über uns kommt. Als Funkamateur weiß ich, dass eine gute Erdung vor Überspannung schützt. Erdung, das kann auch mal schmerzen, man saut sich vielleicht auch ein wenig ein und- das Schlimmste: man muss wieder lernen, wichtig von unwichtig zu unterscheiden. Und dann vielleicht auch mal Dinge aufzugeben, die bequem sind, aber für die kein Geld mehr da ist. Dafür gewinnt man vielleicht anderes dazu, wer weiß?! Zum Beispiel eine gute Nachbarschaft. Oder mal wieder aktives Mitglied eines Vereins werden, mehr Zeit unter Menschen als vor Bildschirmen beispielsweise. Und die beiden Worte mit dem großen „D“ wieder kennenlernen und empfinden:
Dankbarkeit und Demut.
Mal selbst zurücktreten und andere vorlassen. Nicht nur an der REWE-Kasse, wo längst, wie in Frankreich üblich, eine „Klönschnack-Kasse“ eingeführt hätte werden müssen! Wer’s eilig hat, der nimmt eine andere Kasse. Aber wer mal was loswerden muss oder wem nach Kontakt zumute ist, der stellt sich dort an. Toll, wenn man es mal erlebt hat! Stattdessen überall übersteigerte Empfindsamkeit, bis in die Sprache hinein. Ich bin froh, dass ich wenigstens in meinen Vereinen noch so reden kann (und darf), wie mir der Schnabel gewachsen ist. Was ist das für eine Gesellschaft, wo einem bei einem vermeintlich unkorrekten Wort gleich eine negative Haltung und Moral unterstellt wir? Haben wir nicht ganz andere Probleme? Siehe oben…
