



Welches Boot fürs Watt?
Diese Frage begegnet mir immer wieder: „Kann ich denn mit meinem Boot überhaupt ins Wattenmeer fahren?“ Kurze Anwort: Klar!
Im Prinzip kann man mit fast jedem Boot ins Watt, aber es macht nicht mit jedem Boot viel Sinn und Spaß. Ein grund-legender Faktor ist der Tiefgang: Auf der Ostsee ist 1,60m für ein Segelboot noch ein moderater Tiefgang; im Watt komme ich damit auch noch an manche Ziele. Aber auch schnell an meine Grenzen. Es spielt beim Segelboot ja auch die Kielform auch eine wichtige Rolle. Die schnellen Ostsee-Yachten mit tiefem Kurzkiel sind wohl am schlechtesten fürs Watt geeignet. Sie kippen gleich in mehrere Richtungen um beim Trockenfallen. Da ist ein Langkieler im Vorteil. Er kippt nur nach Bb oder Stb und bleibt also zur Hälfte stabil.
Motorboote sind eher unkritisch im Watt. Sie haben keine großen Kiele, sind unten meist flach und haben wenig Tiefgang. Die rutschen meist noch so rüber und fallen halbwegs gerade trocken. Vorsicht, wenn schon, bei Z-Antrieben: lieber schön langsam fahren und nicht mit Schmackes über eine Muschelbank oder Buhne knallen. Das könnte teuer werden.
Ich vergleiche hier deshalb nur mal die unterschiedlichen Segelboot-Typen miteinander:

Jollenkreuzer
Ein Klassiker fürs Watt! Das Boot mit dem geringsten Tiefgang, da er sein Schwert ganz aufholen kann. Jollis rutschen noch oder schon übers Wattenhoch, wenn andere noch ein Stündchen oder mehr warten müssen. Außerdem segeln sie gut – wenn das Schwert unten ist – und können auch mal hoch an den Wind gehen. Mit einem langen Schlag und auflaufendem Wasser segeln sie einige Inseln wattseitig zügig ab, ehe NW auch sie zur Pause zwingt. Nachteil: Auf tiefen Fahrwassern wie Jade, Außenweser oder Elbe kann bei Strom gegen Tide ganz schön Seegang stehen. Da klatschen die Jollis dann nur noch rum und sorgen für schlechte Stimmung an Bord. Außerdem Vorsicht bei böigem Wind: sie können kentern!
Plattbodenschiffe
Wie meine alte „Dralle Deern“. Auch ein Klassiker fürs Watt. Bei viel Platz an Bord wenig Tiefgang durch Seitenschwerter und stabile Ponton-Form. Wenn der Wind raum oder von achtern kommt, dann kommen sie auch ganz gut in Fahrt. Die Schwerter bleiben oben, der Tiefgang gering. Wenn jedoch gekreuzt werden muss, dann beginnt das Elend. Sie gehen nicht sehr hoch an den Wind und das ständige Hantieren mit den Seitenschwertern braucht eine kräftige Crew. Also wird dann meist motort. Dafür haben sie ja auch den schönen Diesel verbaut. Zum Trockenfallen ähnlich ideal wie der Jolli, denn sie bleiben einfach gerade stehen, wenn der Untergrund halbwegs gerade ist.


Flacher Langkieler
Eine LM24 mit Langkiel hat nicht mal einem Meter Tiefgang. Sie ist zwar ein Motorsegler, aber das ist egal. Ein stäbiges Schiff, das auch mal gegen ein Wind-gegen-Strom-Gehacke bestehen kann. Im Schlick fällt sie schön gerade trocken, aber auf Sand kippt sie. Gut 30 Grad, klingt wenig, aber an Bord kann man dann nichts mehr machen, außer sich in die Lee-Koje packen. Aber dann liegt am auch schon halb auf der Seitenwand.
Vom Tiefgang her aber sehr gut fürs Watt geeignet. Für Leute, die’s gern bequem haben. Auch die große Schwester, die LM27 ist dafür mit ihrem 95cm Tiefgang gut geeignet. Ich hatte schon beide, sehr zur Freude der Ehefrau, die stets den reichlichen Platz an Bord lobte, samt Einbauküche.
Und die LMs segeln gar nicht mal schlecht, gehen sogar noch etwas höher an den Wind als die meisten Plattbodenschiffe. Aber an den Jolli kommen sie natürlich nicht ran…



Kimmkieler
Kimmkieler haben viele Fans im Watt. Meine neue, kleine BRISE ist einer der Kleinsten dieser im Watt sehr verbreiteten Kiel-Art. Nur 65cm Tiefgang; durch Ballast kentersicher (anders als Jollenkreuzer und Plattbodenschiff) und mit der Ruderhacke als drittem Auflagepunkt stehen sie immer ohne zu Wackeln im Watt. Egal, was für ein Boden drunter liegt.
Sie segeln gut, müssen aber dem Kurzkieler hoch am Wind ein paar Grad vom Kreuz-Winkel überlassen. Sind aber stäbig im Seegang, auch wenn man ein Brecher zwischen die Kiele kracht: es gibt dann keinen Schaden, nur einen Schreck.
Und sie stehen solide auf dem Trailer, die Leisure 17 sogar rückwärts als einziges mir bekanntes Boot! So viele Kimmkiel-Freunde im Watt können nicht irren, oder?

Jollen
Ja, Jollen! Viele Jahre bin ich mit einer Gruppe von Schwertzugvögeln ins Watt gesegelt! Sehr viele Törns, die uns bis ins niederländische Friesland führten und zu den Ostfriesischen Inseln. Der Schwertzugvogel beispielsweise hat wenig Tiefgang und ist ein stabil zu segelndes Boot, im Grunde, wie der Pirat, eine geniale Konstruktion!
Boote mit viel Tiefgang?
Und ganz Mutige können es auch noch mit richtig Tiefgang bis 1,80m versuchen in bestimmten Fahrwassern, in anderen besser nicht. Auch Kurzkieler kommen übers Watt, sie sollten bloß nicht trockenfallen und glauben, es wäre dann noch ein Wohnen an Bord möglich.
Wer mal in der Bretagne war mit bis zu 14m Tidenhub und ständig komplett trocken fallenden Häfen und Buchten, der weiß, wie man die Sache dort löst: Mit Watt-Stützen! Eine an Bb und eine an Stb. Voraus und nach achtern festgelascht und unten mit einer Art Teller versehen gegen zu starkes Einsinken, erfüllen diese Stützen voll ihren Zweck und selbst Yachten mit tiefem Kiel stehen in den Häfen anstandslos Spalier und kerzengerade. Und bei NW laufen die Skipper um ihre Boote herum und kratzen den Bewuchs ab. So spart man sich auch das teure und ungesunde Antifouling. Seltsamerweise habe ich bei uns in Deutschland noch keine Boote mit Watt-Stützen draußen gesehen. Die meisten trauen der Sache wohl doch nicht – so mein Eindruck. Warum eigentlich?


