Mega geil! Genau…

„Alles im Leben hat seine Zeit…“ – so beginnt ein bekannter Abschnitt des Predigers Salomo im Alten Testament der Bibel. Das gilt im Prinzip für alles im Leben eines Menschen oder eines Volkes und es gilt auch sprachlich. Wobei wir bei den „Modewörtern“ wären. Und wenn man nun schon älter ist wie ich, dann hat man Dutzende davon kommen und auch wieder gehen sehen. Aber in der Zeit, als sie unsere Sprache „bereicherten“, da waren sie „voll in“ !

Was vielen dieser Sprachschöpfungen oder Umdeutungen zu eigen ist, das ist ihr Drang, alles noch etwas stärker, größer, abgehobener darzustellen.

Es begann mit dem Unwort „Super-Gau“. Man möge sich erinnern: „GAU“ stammt aus der Zeit der Atomkraftwerke und ist eine Abkürzung für „Größter Anzunehmender Unfall„. Nun sollte man ja meinen, dass „größter“ schon das Maximum eines Unfalls final beschreiben würde. Aber nicht für unsere Sprachschöpfer, die alles noch ein wenig mehr aufblasen müssen. Also reicht der normale GAU nicht, der eh schon alles verstrahlen und unbewohnbar machen müsste und mit zig geopferten Menschenleben in die Geschichte eingehen würde. Es muss ein „Super-GAU“ sein! Worin nun dieses „Super“ (lat. für „darüber hinaus„) präzise bestehen könnte, das muss leider offen bleiben.

Der nächste Neusprech-Begriff will uns sagen, dass etwas besonders gut, ansprechend, erfolgreich oder bewundernswert geraten ist. Es ist – kurz gesprochen – einfach nur „Mega“ . Vier Buchstaben, und alles ist gesagt. Vorbei die lyrischen Zeiten, als man noch drei Adjektive mehr beherrschte, um schöner differenzieren zu können. „Mega“ reicht. Und jeder weiß, was gemeint ist. Nur halt leider ohne Feindifferenzierung. Denn wenn irgendwann alles „Mega“ ist, dann ist im Grunde ja nichts mehr „Mega„, oder? Wenn alle Abiturienten ihr Abitur mit Note 1,1 ablegen, dann könnte man auch gleich das ganze Abitur einebnen, weil auch dort die Differenzierung auf der Strecke geblieben ist. Sprachlicher oder pädagogischer Sozialismus. Alle können alles und immer gleich faszinierend gut, eben „Mega“ .

Ich erlebe meine Welt auch nach einem Dreivierteljahrhundert irgendwie anders. Viel gestufter, unterschiedlicher, und keineswegs immer nur „Mega“ oder „Krass“ . Man kann auch „krass“ zig mal durch die Führerscheinprüfung fallen, auch mit Abitursnote 1,1! Das kostet dann „mega“ viel Kohle und ist auch „mega“ nervig. Aber es wird, wie heute fast jede solcher Lagen, wo die gewünschte gesellschaftliche Form sich leider in der Realität nicht mehr abbildet, so lange vereinfacht, bis auch wieder der Vorletzte mit einer Note 1,1 oder einem Führerschein zufrieden nach Hause geht.

Mein Vater hat nur die „Volksschule“ besucht und kam dann mit vierzehn Jahren in die Koch-Lehre. Aber er konnte rechnen, schreiben und lesen. Und zwar flüssig und ohne viele Fehler. Und heute? Deutschland sackt immer weiter ab in allen Rankings. Mir scheint, dass wir einfach zu viele Schlauberger haben (durch die vielen Bundesländer, die für die Bildung zuständig sind und durch den ständigen Parteienwechsel in den wechselnden Landesregierungen), die immer das Rad neu erfinden wollen und im Grunde nur Verwirrung stiften. Da hilft auch kein Tablet und kein „Whiteboard“ , das ohne „Tafeldienst“ auskommt. Wenn ein Kind kein Wort Deutsch spricht (oder nur ganz wenige), dann gehört es nicht in die erste Klasse. Sonst werden die Normalen ausgebremst zugunsten derer, die auch noch irgendwie mitgeschleppt werden sollen. Dazu passt es auch, dass immer wieder versucht wird, die Zensuren abzuschaffen und dass auch keinem Kind mehr das „Sitzenbleiben“ zugemutet werden kann. Welches Problem wird damit eigentlich gelöst statt verschärft?

Inzwischen hat sich auch „Genau“ durchgesetzt. Was einstmals in Wissenschaft und Technik, Sprache und Kochrezept als „präzise“ gemeint war und keine zufälligen Dosierungen erlauben sollte, ist zu einem modischen Füllwort verkommen. Wenn jemand nicht mehr weiter weiß in der Aufzählung von Punkten oder Argumenten, dann sagt er früher so was wie „Ääähhh…..“. Auch nicht schön, aber man wusste: es hakt. Heute sagt er „Genau….“ . Will damit – mangels weiterer oder schlagkräftigerer Argumente – die ersten zwei von ihm genannten noch einmal bestärken. Als wäre das nötig. Als wäre die vorher „ungenau“ gewesen. „Genau“ zu sagen heißt, mich selbst noch mal in meinen Aussagen zu bestätigen, wenn schon andere das nicht tun. Aber es ist und bleibt ein dusseliges Füllwort. Freunde, lasst es einfach weg!

Genau!